Laufendes Projekt: Gotlands Bildsteine -

Probleme und neue Wege ihrer Dokumentation und Deutung

 

RTI

Die Interpretation figürlicher Darstellungen auf den gotländischen Bildsteinen, auf Grundlage literarischer Überlieferung und ikonographischer Parallelen, steht im Mittelpunkt meines Interesses. Jedoch schrieb bereits der Klassische Archäologe Carl Robert der ikonographischen Forschung in seiner "Archäologischen Hermeneutik" (1919) folgenden bedeutsamen Satz ins Stammbuch: Die erste Vorbedingung für das richtige Deuten ist das richtige Sehen. Im Fall der gotländischen Bildsteine stellt bereits das richtige Sehen ein grundlegendes Problem dar.

Die eingeritzten oder im primitiven Flachrelief ausgeführten Bilder auf den gotländischen Bildsteinen sind heute stark verwittert oder abgeschliffen, so dass die Darstellungen meist sehr schlecht zu erkennen sind. Die vorliegende Edition der Steine von Sune Lindqvist (1941/42) ist technisch veraltet und zudem unvollständig. Sie umfasst 280 der etwa 500 heute bekannten gotländischen Bildsteine bzw. Bildsteinfragmente. Für diese noch immer grundlegende Edition sind die bildtragenden Oberflächen mit einer Lampe ausgeleuchtet, die auf diese Weise erkennbaren Darstellungen mit schwarzer Farbe markiert und abphotographiert worden. Lindqvist selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Methode keine sichere Rekonstruktion der ehemaligen Bildkomposition zulässt. Häufig ist nicht zu entscheiden, ob die bei Schrägbeleuchtung entstehenden Schatten Bildkonturen, also intendierte Ritzungen und abgemeißelte Partien, oder natürliche Unregelmäßigkeiten der verwitterten Steinoberfläche und spätere Beschädigungen angeben. Lindqvist sah sich somit gezwungen, nur die „mit Sicherheit oder doch wenigstens größerer Wahrscheinlichkeit“ als Bildbestandteil zu bestimmenden Flächen durch Farbe kenntlich zu machen. Die heute zur Verfügung stehenden Abbildungen bieten infolgedessen die subjektive Sichtweise eines einzelnen Betrachters. Dieser fatale Umstand ist in der vergangenen Forschung nicht richtig erkannt und gewürdigt worden. Während Archäologen kaum über die Beschreibung und Kategorisierung der Steine hinausgegangen sind, haben sich Altnordisten und Altgermanisten, in Unkenntnis der tatsächlichen Materialbeschaffenheit, immer wieder an völlig unzureichendem Bildmaterial abgearbeitet.

Photogrammetrie

Im Zuge eines vom DAAD sowie der Walther Liebehenz Stiftung geförderten Forschungsaufenthalts auf Gotland und in Stockholm konnte im Sommer 2013 eine Auswahl gotländischer Bildsteine mit neuen technischen Verfahren der digitalen Archäologie untersucht und dokumentiert werden. Bei der von Hewlett Packard und Cultural Heritage Imaging entwickelten Reflectance Transformation Imaging (RTI) Methode wird mit Hilfe einer speziellen Software aus einer Reihe von Digitalphotos ein einziges hoch aufgelöstes Bild errechnet, welches am Monitor individuell und stufenlos beleuchtet werden kann. Die Farb- und Reflexionseigenschaften der Oberfläche werden dabei durch verschiedene „Rendering Modes“ variiert. Dadurch entsteht ein verblüffendes Hilfsmittel, das auch kleinste Oberflächenstrukturen und -merkmale erkennbar und dokumentierbar macht, selbst dann, wenn diese mit dem bloßen Auge nicht wahrzunehmen sind. Durch Photogrammetrie können auch ohne den Einsatz aufwändiger und kostenintensiver Scansysteme aus Reihen einfacher Digitalphotos photorealistische 3D-Modelle erstellt und auf vielfältige Weise analysiert und bearbeitet werden. Neben den auf Grundlage der Photogrammetrie-Software "PhotoScan" von Agisoft gewonnenen 3D-Modellen steht die 3D-Digitalisierung meiner schwedischen Kooperationspartnerin Laila Kitzler Åhfeldt zur Verfügung, die auf dem optischen Scanverfahren (ATOS II von GOM) beruht. Die Datenauswertung konnte bis Ende 2014, Dank eines Forschungsstipendiums der Fritz Thyssen Stiftung, durchgeführt werden.

Durch die neuen Untersuchungsverfahren und digitalen Dokumentationsmöglichkeiten wird eine wesentlich verbesserte Interpretationsgrundlage geschaffen. Ältere Lesungen lassen sich auf nachvollziehbare Weise verifizieren bzw. falsifizieren. Bisweilen werden durch die Neu-Dokumentation bislang gänzlich unbekannte Bilddetails erkennbar, die neue Deutungswege ermöglichen. Hinzu kommt eine Reihe von unpublizierten Neufunden, die erstmals berücksichtigt werden konnten.

Eine der größten Herausforderungen der Bildsteinforschung bestand und besteht in der Objektivierung der erhobenen Befunde. Anthropogene Merkmale sind auf den stark verwitterten und unregelmäßigen Steinoberflächen häufig nicht sicher von natürlichen Oberflächenstrukturen zu unterscheiden. Trotz aller technischer Aufrüstung wird die Lesung schlecht erhaltener Bilddarstellungen stets in gewissem Maße subjektiv bleiben. Die Möglichkeiten der Digitalen Archäologie helfen jedoch entscheidend dabei, die unterschiedlichen Sichtweisen nachvollziehbar und überprüfbar zu machen.

Die Ergebnisse meiner Bildsteinforschung wurden im Juli 2016 an der LMU in München als Habilitationsschrift eingereicht. Diese soll 2017/2018 als Monographie veröffentlicht werden, die RTI- und 3D-Daten sind über den Server der LMU frei zugänglich.

Skandinavisches Seminar

Georg-August-Universität Göttingen

Käte-Hamburger-Weg 3

37073 Göttingen

 

Institut für Nordische Philologie

Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie

Ludwig-Maximilians-Universität München

Geschwister-Scholl-Platz 1

80539 München

 


E-Mail: soehrl@gwdg.de

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